Rassismus in der Kirche?

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sven23
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#1 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von sven23 » Fr 10. Jun 2022, 09:43

Ich hatte ja schon öfter darauf hingewiesen, dass die Schreiber des Neuen Testaments versucht haben, den Juden Jesus aus seiner eigenen Religion herauszulösen.
Das Herauslösen und Entfremden beschränkte sich aber nicht auf die Religion, sondern betraf auch die ethnische Herkunft Jesu. Man kann das sehr schön an künstlerischen Darstellungen mittelalterlicher Künstler ablesen. Jesus war kein orientalischer Jude mit dunkler Hautfarbe, sondern ein weißer Europäer. Dieses Bild hat sich bis in die heutige Zeit festgesetzt. Kein bekannter Jesusfilm, von Pasolini bis Mel Gibson, war um eine ethnisch korrekte Darstellung bemüht. Ganz selbstverständlich wurde Jesus zum weißen Europäer "umgeschult". So fiel es der weißen Herrenrasse auch leichter, mit Jesus als Vertreter der weißen Rasse im Gepäck, die "minderwertigen Rassen" zu kolonialisieren und zu missionieren.
Man mag es kaum glauben, aber auch der Aufklärer Kant war in diesem Punkt ein Kind seiner Zeit und hielt Menschen mit dunkler Hautfarbe für minderwertig.
Die Kirche hat sich das Bild des weißen, europäisierten Jesus stets zu eigen gemacht.

https://eirene.org/blog/rassismus-und-kirche
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piscator
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#2 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von piscator » Fr 10. Jun 2022, 10:59

Es soll ja auch in den USAS, speziell im Süden, so manchen republikanischen Politiker geben, der denkt, dass der "weiße" Jesus englisch anstatt aramäisch gesprochen hat, weil seine Bibel im Schrank in englischer Sprache geschrieben ist. :o
Meine Beiträge als Moderator schreibe ich in grün.

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sven23
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#3 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von sven23 » Fr 10. Jun 2022, 12:04

piscator hat geschrieben:
Fr 10. Jun 2022, 10:59
Es soll ja auch in den USAS, speziell im Süden, so manchen republikanischen Politiker geben, der denkt, dass der "weiße" Jesus englisch anstatt aramäisch gesprochen hat, weil seine Bibel im Schrank in englischer Sprache geschrieben ist. :o
:roll2:

Ja, auf dem Gebiet gibt es nichts, was es nicht gibt.
Laut Joseph Smith, dem Gründer der Mormonen, war Jesus sogar in Amerika. Im Grunde könnte man Jesus sogar als weißen Amerikaner bezeichnen. :lol:
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Naqual
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#4 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von Naqual » Fr 10. Jun 2022, 14:33

sven23 hat geschrieben:
Fr 10. Jun 2022, 09:43
Das Herauslösen und Entfremden beschränkte sich aber nicht auf die Religion, sondern betraf auch die ethnische Herkunft Jesu. Man kann das sehr schön an künstlerischen Darstellungen mittelalterlicher Künstler ablesen. Jesus war kein orientalischer Jude mit dunkler Hautfarbe, sondern ein weißer Europäer. Dieses Bild hat sich bis in die heutige Zeit festgesetzt. Kein bekannter Jesusfilm, von Pasolini bis Mel Gibson, war um eine ethnisch korrekte Darstellung bemüht. Ganz selbstverständlich wurde Jesus zum weißen Europäer "umgeschult". So fiel es der weißen Herrenrasse auch leichter, mit Jesus als Vertreter der weißen Rasse im Gepäck, die "minderwertigen Rassen" zu kolonialisieren und zu missionieren.

Wobei die "westliche" oder europäische Kultur selbst außerhalb der Religion (dazu braucht es die Kirchen eigentlich gar nicht) grundsätzlich zumindest "rassen-chauvinistisch" strukturiert ist. Es wird im ganzen ja so getan, als wenn das geballte Wissen von uns über die Griechen und Römer und über die europäischen Vorläufermächte der heutigen Zeit entstanden ist und außerhalb herrschten in den Amerikas, Australien und Asien sowie Afrika nur Wilde und Ureinwohner. Das die Majas in Mittel- und Südamerika vor 4000 Jahren einen astronomisch entstanden Jahreskalender hatten, der genauer war als das was bis ins Spätmittelalter in Europa zugänglich war sagt keiner, oder das es Nordindien bzw. Pakistan vor tausenden von Jahren Millionenstädte (!) gab, die eine Kanalisation hatten, die ausgereifter war als alles was die Römer so kannten. Oder nehmen wir die Chinesische Kultur. Das sind im Geschichtsunterricht halbverschwundene Kurzepisoden, der formalen Vollständigkeit halber. Oder nehmen wir die altische Philosophie, die an Komplexität und Abstraktion das Christentum locker in den Schatten stellt (und auf erstere wird einfach immer verächtlich als "Polytheismus" runtergeschaut).

Umgekehrt ist für die Chinesen China der Mittelpunkt der Welt, die Franzosen fahren nicht ins Ausland, weil es dort kein gescheites Essen gibt, und die Leute nicht einmal die Sprache sprechen (also Barbaren sind), die Amerikaner sind natürlich die Gescheitesten und Freiheitsliebensten, usw. Und wenn Du als Norddeutscher Sprößling in Bayern lebst, bleibst Du lebenslang (trotz 60 Jahre Aufenthalt) ein Preiß.

Also die Kirche hat immer gute ihr soziokulturelles Umfeld gespiegelt. Und wenn Sklaverei legitim war, dann auch in der Kirche.
 

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sven23
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#5 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von sven23 » Sa 11. Jun 2022, 09:26

Naqual hat geschrieben:
Fr 10. Jun 2022, 14:33
Es wird im ganzen ja so getan, als wenn das geballte Wissen von uns über die Griechen und Römer und über die europäischen Vorläufermächte der heutigen Zeit entstanden ist und außerhalb herrschten in den Amerikas, Australien und Asien sowie Afrika nur Wilde und Ureinwohner.
Das stimmt. Die traditionelle Sichtweise war immer sehr stark eurozentrisch. Auch das "Zeitalter der großen Entdeckungen" ist ja auch eine Frage der Perspektive. Man vergißt nur allzu gerne, dass diese Länder ja längst entdeckt waren, nämlich durch die Bewohner dieser Kontinente.
Im Schlepptau der Eroberer und Kolonialisten befand sich die Kirche, nicht um Leid von den Unterdrückten abzuwenden, sondern weil sie frisches Missionierungspotential in den "Wilden" witterte. Der versklavte "Wilde" war dann sicher ganz glücklich, als er von der "Frohen Botschaft" erfahren hat. Dazu fällt mir ein Witz ein, der auf Paulus anspielt:

Eskimo: "Wenn ich nichts von Gott und der Sünde wüsste, müsste ich dann trotzdem in die Hölle gehen?"

Missionar: "Nein, wenn Du nichts davon wüsstest, dann nicht."

Eskimo: "Warum erzählst Du es mir dann?"



Naqual hat geschrieben:
Fr 10. Jun 2022, 14:33
.., oder das es Nordindien bzw. Pakistan vor tausenden von Jahren Millionenstädte (!) gab, die eine Kanalisation hatten, die ausgereifter war als alles was die Römer so kannten.
Echt? Ich hatte immer im Hinterkopf, dass Rom mit über 1 Million Einwohner die mit Abstand größte Stadt in der Antike war, weltweit. Und dass ihre Kanalisation beispiellos war.
Hast du da mehr Informationen?


Naqual hat geschrieben:
Fr 10. Jun 2022, 14:33
Also die Kirche hat immer gute ihr soziokulturelles Umfeld gespiegelt.
Man sollte aber nicht vergessen, dass das europäische Mittelalter sehr stark von der christlichen Kirche geprägt war. Die Kirche beanspruchte nicht nur die Deutungshoheit über die Bibel, sondern über die Welt schlechthin.
 
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#6 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von oTp » Sa 11. Jun 2022, 13:01

sven23 hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2022, 09:26
Echt? Ich hatte immer im Hinterkopf, dass Rom mit über 1 Million Einwohner die mit Abstand größte Stadt in der Antike war, weltweit. Und dass ihre Kanalisation beispiellos war.
Hast du da mehr Informationen?

Ja, war wohl so mit Rom.
Wenn es in alten Indien und Pakistan auch ähnliches gegeben haben sollte, fehlen mir dazu noch passende Beweise.

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sven23
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#7 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von sven23 » Sa 11. Jun 2022, 13:19

oTp hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2022, 13:01
sven23 hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2022, 09:26
Echt? Ich hatte immer im Hinterkopf, dass Rom mit über 1 Million Einwohner die mit Abstand größte Stadt in der Antike war, weltweit. Und dass ihre Kanalisation beispiellos war.
Hast du da mehr Informationen?

Ja, war wohl so mit Rom.
Wenn es in alten Indien und Pakistan auch ähnliches gegeben haben sollte, fehlen mir dazu noch passende Beweise.
Heute sieht die Sache etwas anders aus. Die 5 größten Städte Indiens haben mehr Einwohner als Deutschland.
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#8 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von oTp » Sa 11. Jun 2022, 13:24

sven23 hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2022, 13:19
oTp hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2022, 13:01
sven23 hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2022, 09:26
Echt? Ich hatte immer im Hinterkopf, dass Rom mit über 1 Million Einwohner die mit Abstand größte Stadt in der Antike war, weltweit. Und dass ihre Kanalisation beispiellos war.
Hast du da mehr Informationen?

Ja, war wohl so mit Rom.
Wenn es in alten Indien und Pakistan auch ähnliches gegeben haben sollte, fehlen mir dazu noch passende Beweise.
Heute sieht die Sache etwas anders aus. Die 5 größten Städte Indiens haben mehr Einwohner als Deutschland.

Ja, und Indien interssiert mich, war das letzte Mal vor zwei Jahren da. In drei davon war ich schon.
Heutzutage jedenfalls gilt Indien als sehr dreckig.
 

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Naqual
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#9 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von Naqual » Mo 13. Jun 2022, 10:58

sven23 hat geschrieben:
Sa 11. Jun 2022, 09:26
Naqual hat geschrieben:
Fr 10. Jun 2022, 14:33
.., oder das es Nordindien bzw. Pakistan vor tausenden von Jahren Millionenstädte (!) gab, die eine Kanalisation hatten, die ausgereifter war als alles was die Römer so kannten.
Echt? Ich hatte immer im Hinterkopf, dass Rom mit über 1 Million Einwohner die mit Abstand größte Stadt in der Antike war, weltweit. Und dass ihre Kanalisation beispiellos war.
Hast du da mehr Informationen?

Mist, finde den Artikel nicht mehr, den ich vor wenigen Jahren dazu gelesen hatte. Einzig eine Wiki-Kurzbeschreibung der Indus-Kultur ( https://de.wikipedia.org/wiki/Indus-Kultur).
Kann mich aber erinnern, dass es hieß, dass die Kanalisation technisch auf einem Stand war, den 2000 Jahre später erst die Römer hatten. Zudem kann ich mich erinnern, dass die Stadt im heutigen Raum Pakistan/Indien erst vor kurzem entdeckt worden war.

 


 

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sven23
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#10 Rassismus in der Kirche?

Beitrag von sven23 » Mi 15. Jun 2022, 07:14

Naqual hat geschrieben:
Mo 13. Jun 2022, 10:58
Kann mich aber erinnern, dass es hieß, dass die Kanalisation technisch auf einem Stand war, den 2000 Jahre später erst die Römer hatten.
Das kann natürlich sein. 2000 v. Chr. war an Rom noch nicht zu denken.
In dem Wiki-Artikel wird ja beschrieben, dass die Harappa-Kultur bereits Kanalisationen mit Gullys kannte, was für diese frühe Zeit erstaunlich ist.
Archäologen finden ja immer wieder alte Städte und Siedlungen, so dass es schwer bis unmöglich ist, die ultimativ älteste Stadt zu benennen. Und es liegen sicher noch einige Überraschungen im Boden.

https://listenfueralle.de/die-welt/die-10-aeltesten-staedte-der-welt/
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